Autor: martin

  • Der wirksamste Streik hält sich an jede Regel. Deine KI-Agenten tun das jeden Tag.

    Der wirksamste Streik hält sich an jede Regel. Deine KI-Agenten tun das jeden Tag.

    Der wirksamste Streik legt die Arbeit nicht nieder. Er hält sich buchstabengetreu an jede Regel.

    KI-Agenten machen genau das. Und sie streiken dabei nicht einmal.

    Dieser Gedanke geht mir in letzter Zeit nicht aus dem Kopf, weil ich selbst ein kleines Team aus KI-Agenten betreibe. Ich habe es im Sommer gebaut, damit es mir in meinem Arbeitsalltag Arbeit abnimmt. Es hat eine Orchestratorin namens Ruby, ein Qualitätsgate namens Sherlock und eine wachsende Liste von Spezialisten. Es hat außerdem ein wachsendes Regelwerk. Um diesen letzten Punkt geht es in diesem Artikel.

    Was ich hier beschreibe, habe ich in den vergangenen Tagen an meinem eigenen Agententeam gesehen, als das Regelwerk wuchs und der Fortschritt deutlich langsamer wurde.

    Dienst nach Vorschrift ist eine Waffe, keine Verlangsamung

    Die Arbeiterbewegung hat das längst begriffen. Du musst die Arbeit nicht niederlegen, um eine Organisation lahmzulegen. Du musst nur genau das tun, was in den Regeln steht. 1984 kontrollierten französische und italienische Zollbeamte an ihren Grenzübergängen jedes einzelne Fahrzeug, gewissenhaft und nach Vorschrift. Niemand hat eine Regel gebrochen. Das Ergebnis waren massive Staus.

    Der deutsche Soziologe Stefan Kühl bringt das in seiner Arbeit von 2020 über Regelbruch in Organisationen scharf auf den Punkt. Für ihn ist Dienst nach Vorschrift die wirksamste Art, eine Organisation zu lähmen. Bei seiner Begründung lohnt es sich, einen Moment zu verweilen: Die wörtliche Befolgung jeder Regel und jeder Anweisung macht jede Organisation stetig schwerfälliger, ganz gleich, wie gut sie geplant war.

    Lies das noch einmal mit der Managementbrille auf. Es heißt: Nicht der Plan hält die Organisation am Laufen. Es ist etwas anderes.

    Organisationen überleben ihre Regeln, weil Menschen sie brechen

    Die deutsche Organisationssoziologie hat einen Namen für dieses Etwas: brauchbare Illegalität. Niklas Luhmann hat den Begriff 1964 geprägt, in Funktionen und Folgen formaler Organisation. Kühls Buch von 2020 trägt ihn im Titel.

    Die Idee ist einfach und ein bisschen unbequem. Jede Organisation hat eine formale Seite: das Organigramm, den Prozess, das Regelwerk. Und sie hat eine informale Seite. Die Kollegin, die sich ein Formular spart, weil die Freigabe ohnehin klar ist. Das Team, das am Freitag ausliefert, obwohl im Release-Kalender Dienstag steht. Die Führungskraft, die wegsieht, weil die Regel für eine andere Situation geschrieben wurde.

    Die informale Seite ist kein Mangel an Disziplin. Sie ist der Grund, warum die formale Seite den Kontakt mit der Realität überlebt. Regeln entstehen im Voraus, für die Fälle, die sich jemand vorstellen konnte. Die Realität produziert laufend die anderen Fälle. Menschen schließen diese Lücke, leise und von Fall zu Fall, meist mit dem stillschweigenden Einverständnis aller Umstehenden.

    Ich habe die Umbrüche selbst mitgemacht: von Wasserfall zu Agile, von Projekt zu Produkt, von Requirements Engineering zu Design Thinking, von Agile zu Agentic, und so weiter. Jedes Mal waren der Prozess auf den Folien und der Prozess in der Realität zwei verschiedene Dinge. Geliefert hat der aus dem Alltag.

    Das dreht das übliche Bild um. Regelbruch ist nicht die Ausnahme, die das Management eindämmen muss. Vollständige Regeltreue ist die Ausnahme. Und wenn du sie tatsächlich bekommst, bekommst du einen Streik.

    Der Agent ist das perfekte Mitglied der Organisation

    Setz jetzt einen KI-Agenten in dieses Bild.

    Der einzige Zugang eines Agenten zur Organisation ist der geschriebene Text: der Prompt, die Prozessbeschreibung, die Regeldatei. Kein Flurgespräch. Keine Kollegin, die sagt: „So machen wir das hier eigentlich nicht.“ Kein Gespür dafür, dass eine Regel sich überlebt hat, denn er kann nicht wissen, wozu sie da war, solange das niemand ebenfalls aufgeschrieben hat.

    Also hier meine Hypothese (und ich sage deutlich: Es ist eine): Ein Team aus KI-Agenten lebt im Dauerzustand von Dienst nach Vorschrift. Es führt die formale Struktur wörtlich aus, und ihm fehlt das Ventil, mit dem menschliche Organisationen ihren eigenen Regelüberschuss überleben.

    Wenn das stimmt, ist die praktische Folge unbequem. Dieselben Prozesse, die wir heute haben, nur in den „Händen“ von KI statt echter Menschen, erzeugen hohe Durchlaufzeiten und hohe Token-Kosten — weil die Prozessschulden jetzt starr befolgt werden, statt dass Menschen ihre Defekte jahrelang still abfedern.

    Das Gegenargument ist stark, und ich will es nicht verstecken. Agenten weichen ständig von ihren Anweisungen ab. Wer mit ihnen arbeitet, kennt das. Sie überspringen Schritte, interpretieren Dinge um, machen gelegentlich etwas, worum niemand gebeten hat. Wörtlich genommen ist „Agenten befolgen jede Regel“ falsch.

    Meine Behauptung ist enger gefasst. Die Abweichung eines Agenten sieht aus wie Rauschen: unsystematisch, schwer zuzuordnen, nicht an die Situation gebunden. Es ist nicht die Art von Abweichung, auf die Luhmanns Begriff zielt — die, die zur Situation passt, dem Zweck besser dient als die Regel und geduldet wird, weil die Umstehenden sehen, warum. Ein Agent überspringt schon mal einen Schritt. Dass er ausgerechnet den überspringt, den eine erfahrene Kollegin still weggelassen hätte, ist sehr viel unwahrscheinlicher.

    Was würde mich widerlegen? Ein Agententeam, das nachweislich von seinen geschriebenen Regeln abweicht, und zwar funktional und situationsgerecht, verlässlich und nicht durch Zufall. Mich würde interessieren, wie das gehen soll.

    Was ich in meinem eigenen System sehe

    Im Moment geht der Trend eher in die andere Richtung. Wir sind alle begeistert von Harnesses. Ich habe mein eigenes KI-Team in ein enges Harness gespannt. Ich brauche Ergebnisse, denen ich trauen kann. Ich habe keinen Platz für Halluzinationen. Und deshalb habe ich ein enges Regelwerk gebaut, das ich regelmäßig erweitere. Aber ich habe auch die Kehrseite erlebt: langsame Ausführung, Subagenten, die miteinander streiten, ständiges Hin und Her, verbrannte Tokens.

    In meinem eigenen Setup gibt es eine Beobachtung, die dazu passt. Ein System, ein Fall. Keine Studie.

    Wir haben eine Regel, die ein größeres Arbeitspaket in Schritte zerlegt. Irgendwann wurde eine Regel, die für das Zerlegen von Arbeit gedacht war, auf das Zerlegen von Entscheidungen angewendet. Jeder Schritt wurde zu einer eigenen Lieferung, und jede Lieferung wartete auf meine Freigabe. An keinem einzelnen Schritt war etwas falsch. Aber die Durchlaufzeit für ein Feature stieg von 1,5 auf 10 Kalendertage, und die meisten dieser Tage waren Warten, nicht Arbeiten.

    Die Regel wurde befolgt. Ihr Zweck nicht.

    Eine zweite Beobachtung gehört daneben. Am 3. September haben wir das zentrale Regelwerk des Systems um 37 % gekürzt. Achtzehn Tage später war es länger als vor der Kürzung. Korrekturen kommen als neue Regeln. Jeder Vorfall lässt einen Satz zurück.

    Beweist das die Hypothese? Nein. Ein menschliches Team hätte dieselbe Regel genauso missverstehen können, und ich habe kein zweites Team zum Vergleich. Gezeigt hat es mir, wo in meinem Setup das Ventil sitzt. Es gibt genau eine Stelle, an der brauchbare Illegalität leben kann: bei mir.

    Also habe ich angefangen, mich auch so zu verhalten. Meine eigene Gegenregel, im September aufgeschrieben: „Wartezeit ist teurer als ein Defekt, der bei mir ankommt.“ Der Prüfaufwand richtet sich jetzt danach, wie gut eine Änderung rückholbar ist, nicht danach, wie groß sie ist. Was ich in einer Stunde rückgängig machen kann, bekommt eine leichte Prüfung. Was sich nicht rückgängig machen lässt, bekommt das volle Programm.

    Die Ironie ist mir bewusst. Das ist auch eine Regel.

    Ein paar Fragen, bevor du einem KI-Agententeam eine Prozesslandschaft übergibst

    Ich habe keine Methode anzubieten. Ich habe keine Forschung dazu gefunden, wie man Prozess aus einem Agentensystem wieder herausnimmt, und ich wäre misstrauisch gegenüber jedem, der heute behauptet, eine zu haben. Das hier sind also Fragen, keine Best Practices.

    • Welche Regeln dieses Prozesses brechen deine Leute heute, damit er funktioniert? Wenn du es nicht weißt, findet der Agent es für dich heraus, indem er sie befolgt.
    • Wer in deinem Agenten-Setup darf eine Regel aussetzen? Und woran würdest du überhaupt merken, dass es passiert ist?
    • Planst du das Löschen von Regeln so sorgfältig wie das Hinzufügen? In meinem eigenen System war die ehrliche Antwort nein. Dabei ist das wahrscheinlich der Grund, warum Boris Cherny rät, das eigene KI-Setup regelmäßig wegzuwerfen.

    Agenten tun, was wir aufschreiben. Das ist ihre Stärke, und deshalb arbeite ich jeden Tag mit ihnen. Es heißt aber auch: Die Teile unserer Organisationen, die wir nie aufgeschrieben haben, werden sehr bald sehr wichtig.

    Welche Regel in deiner Organisation funktioniert nur, weil jemand sie leise bricht — und was passiert an dem Tag, an dem ein Agent diesen Job übernimmt?

  • Die Digitalisierung hat nicht für mich gelernt. Sie hat die Feedback-Schleife verkürzt.

    Die Digitalisierung hat nicht für mich gelernt. Sie hat die Feedback-Schleife verkürzt.

    Als ich etwa fünf Jahre alt war, bekam ich von meinen Eltern meine erste Kamera. Mein Vater bereitete mir dazu ein kleines Heft vor, in das ich zu jedem Bild die wichtigsten Werte eintragen sollte: Blende, Entfernung, Belichtungszeit.

    Ich machte meine ersten Bilder und schrieb alles sorgfältig auf. Wenn der Film voll war, dauerte es noch ein oder zwei Wochen, bis er entwickelt war. Erst dann konnte ich sehen, was funktioniert hatte und was nicht.

    Die Feedback-Schleife war langsam. Mein Fortschritt auch.

    Viele Jahre später kaufte ich mir eine DSLR. Jetzt sah ich sofort, was Blende, Brennweite und Belichtungszeit tatsächlich bewirken. Verschiedene Blitze und Lichtsituationen konnte ich direkt ausprobieren. Aus Wochen wurde ein Blick auf das Display. Es hat mir große Freude gemacht zu erleben, wie schnell ich besser wurde.

    Eine ähnliche Erfahrung habe ich in der Musik gemacht. Ich hätte mir nie vorstellen können, selbst orchestrale Musik zu komponieren. Dann installierte ich mehrere orchestrale Sample Libraries und fing an zu experimentieren: wie ein Orchester funktioniert, wie einzelne Stimmen zusammenklingen, was Stimmführung wirklich ausmacht. Mit Hilfe von YouTube-Videos und Orchestrierungstools entstanden ziemlich schnell meine ersten orchestralen Stücke.

    In beiden Fällen hat die Digitalisierung das Lernen nicht für mich übernommen. Sie hat die Zeit zwischen dem Ausprobieren und dem Moment verkürzt, in dem ich sehen – oder hören – konnte, was es bewirkt hat. Genau das macht sie für mich zum Lernbeschleuniger.

    Dieselbe Logik steckt hinter kurzen Iterationen in der Softwareentwicklung: Je früher ein Team die Wirkung einer Änderung sieht, desto früher lernt es.

    Wo hat die Digitalisierung bei dir eine Feedback-Schleife verkürzt – und was hat das mit deinem Lerntempo gemacht?

  • Mut in der Führung zeigt sich darin, was du loslässt

    Mut in der Führung zeigt sich darin, was du loslässt

    Vor Jahren lief ich durch die Zentrale des Unternehmens, für das ich damals gearbeitet habe, und kam an einem Fototermin vorbei. Der Mann, der das Unternehmen führte, ließ neue Porträts von sich machen. Gefragt, wie er wirken wolle, antwortete er sinngemäß: mutig und entschlossen.

    Ein kleiner Moment, ich erinnere mich gut daran. Im Nachhinein sagte das eine Menge aus.

    Das Unternehmen steckte unter seiner Führung in einer großen Transformation. In den regelmäßigen Briefings mit dem Managementteam zeigte sich derselbe Reflex in anderer Form. Er sagte uns immer wieder: „I insist!“ Er sagte den Leuten, sie wüssten es nicht. Mit der Zeit wuchsen Misstrauen und Angst im Führungsteam. Jeder war auf sich selbst bedacht. Diese Kultur blieb nicht an der Spitze. Die Manager trugen sie in ihre Teams.

    Mihály Csíkszentmihályi beschreibt diesen Mechanismus in Flow. Ich zitiere ihn im englischen Original, weil es dafür keine autorisierte deutsche Übersetzung gibt:

    „… once they become part of the norms and habits of a culture, people assume that this is how things must be.“
    Mihály Csíkszentmihályi, Flow: The Psychology of Optimal Experience

    Bei Thoughtworks sprechen wir vom courageous executive. Der Mut dieser Führungspersonen entsteht nicht daraus, mutig und entschlossen zu wirken. Er entsteht daraus, eine Kultur aufzubauen, in der sie nicht alles kontrollieren. Sie geben ihren Teams Raum, eigene Ideen zu entwickeln und Fehler zu machen.

    Fehler sind nicht an sich gut. Gut ist die Freiheit, sie machen zu dürfen und daraus zu lernen.

    Diese Transformation ist gescheitert. Es gab viele Gründe dafür, aber die Kultur an der Spitze ist der Grund, den ich aus nächster Nähe erlebt habe.

    In meiner täglichen Arbeit sehe ich auch die andere Seite: Führung, die auf psychologischer Sicherheit beruht, auf Führen statt Managen, auf starken Teams, auf echtem Empowerment – und die damit deutlich weiterkommt, gerade in digitalen Transformationen.

    Mut in der Führung zeigt sich darin, was du bereit bist loszulassen, nicht darin, wie sehr du wirkst, als hättest du alles im Griff.

    Wenn du gerade in einer Transformation steckst: Wie mutig ist dein Führungsteam?

  • Freitagslauf, Ruby im Ohr

    Freitagslauf, Ruby im Ohr

    Freitagnachmittag. Ich laufe im Wald in der Nähe der Alten Försterei, AirPods im Ohr. Ich spreche mit Ruby — der Orchestratorin meines neuen KI-Agenten-Teams — irgendwo zwischen Kilometer 7 und 8.

    Keine Krise. Keine dringende Entscheidung. Ich hatte einfach über etwas nachgedacht, an dem wir gerade arbeiten, und der nächste Gedanke war da, bevor ich ihn stoppen konnte.

    Das wäre okay. Nur war ich gerade auf der einen Strecke, die ich mir reserviere, um nicht an die Arbeit zu denken.

    Hier ist der Punkt: Ein KI-Agenten-Team zu haben, das wirklich immer verfügbar ist — eines, das diese Woche anfängt, jeden Tag echte Arbeit zu liefern — erzeugt einen Sog, den ich nicht ganz vorhergesehen hatte. Es ist nicht wirklich Stress, jedenfalls nicht die schlechte Art. Es ist eher so etwas wie Momentum. Wenn es gut läuft, fühlt sich Abschalten wie Reibung an, nicht wie Erholung.

    Ich habe den Lauf beendet. Ruby war noch da, als ich nach Hause kam. Ich weiß immer noch nicht, ob das ein Feature ist oder ein Designfehler.

    Wahrscheinlich beides.

    Wo ziehen Sie die Grenze — oder haben Sie aufgehört, es überhaupt zu versuchen?

  • Die Jazz-Denkweise: Was meine Visitenkarte über meine Arbeitsweise verrät

    Die Jazz-Denkweise: Was meine Visitenkarte über meine Arbeitsweise verrät

    Auf meiner Visitenkarte ist ein Foto von mir am Jazzklavier. Das fällt auf. Man fragt mich, warum.

    Ich bin ein bisschen ein Jazz-Nerd, das erklärt schon einiges. Aber es steckt auch ein geschäftlicher Grund dahinter.

    Es ist eine schnelle Abkürzung, die ich gefunden habe, um zu erklären, wie ich denke — meine Denkweise.

    Jazzmusiker hören zu, bevor sie spielen. Nicht aus Höflichkeit — als Grundhaltung. Man findet den Raum, bevor man ihn füllt. Miles Davis wird oft dafür zitiert: „Spiel nicht, was da ist, spiel, was nicht da ist.“ Und man hört nicht nur auf die eigene nächste Note — man hört darauf, was alle um einen herum brauchen.

    Unter diesem Zuhören liegt etwas, das man Groove nennt. Kein Tempo — das hält ein Metronom. Keine Harmonie — das sind die Akkorde. Groove ist der gemeinsame Puls, in den die ganze Gruppe zusammen einrastet. Im Kundengespräch ist das der Unterschied zwischen Arbeit, die sich transaktional anfühlt, und Arbeit, die wirklich etwas bewegt.

    Genau das trainieren die meisten Meeting-Kulturen aus den Menschen heraus. Wir kommen mit der fertigen Antwort. Ein Jazzmusiker kommt offen.

    Aber Zuhören allein reicht nicht — denn man spielt nicht allein. Die anderen Musiker formen, was als Nächstes passiert. Das ist Harmonie: nicht alle spielen dasselbe, sondern alle spielen Dinge, die zusammenpassen. Was man tut, hängt davon ab, was die Person neben einem tut. Das Ergebnis ist etwas, das keiner allein hätte schaffen können.

    Und wenn etwas Unerwartetes passiert — eine falsche Wendung, eine Überraschung aus dem Raum — hört man nicht auf. Man spielt hindurch. Das ist Improvisation: gründliche Vorbereitung, gespielt als Antwort auf das, was der Raum gerade wirklich gibt, nicht auf das, was man geprobt hat. Das ist kein Draufloswursteln. Die beste Kundenarbeit, an der ich beteiligt war, sah genau so aus.

    Herbie Hancock erzählte einmal die Geschichte eines Abends mit Davis, an dem er mitten im Solo einen scheinbar katastrophal falschen Akkord traf. Davis reagierte, indem er Noten spielte, die diesen Akkord passend machten. Hancock erinnerte sich später: „Miles hörte das nicht als Fehler. Er hörte es als etwas, das passiert ist. Als ein Ereignis.“ Die Band hörte nicht auf. Sie bauten darauf auf.

    Diese Idee — das Zuhören, die Harmonie, der Groove, das gemeinsam Geschaffene — hat geprägt, wie ich über Kundengespräche denke, virtuell wie persönlich.

    Was sagt Ihre Visitenkarte? Ich bin gespannt.

  • Wenn Delivery skaliert — und die Architektur das Tempo bestimmt

    Wenn Delivery skaliert — und die Architektur das Tempo bestimmt

    Wenn ein Programm auf mehr Teams skaliert, bin ich regelmäßig dabei, das Team-Setup zu gestalten — und regelmäßig die falsche Person dafür.

    Nicht weil mir die Erfahrung fehlt. Sondern weil das Wissen, das diese Entscheidung treffen sollte, nicht bei mir liegt. Es liegt in den Domänen.

    Wer ein großes Modernisierungsprogramm skaliert, hat oft denselben Instinkt: mehr Teams aufbauen, den Scope aufteilen, die verfügbaren Leute den neu definierten Bereichen zuordnen. Eine Führungsgruppe einsetzen, die den Überblick hat und entscheiden kann, wer gebraucht wird. Das klingt nach vernünftigem Programm-Management.

    Es ist strukturell falsch — und die Ursache ist architektonischer, nicht organisatorischer Natur: Solange die Domänengrenzen ungeklärt sind, treibt die Ressourcenzuteilung die Architektur. Das ist Conway’s Law. Und wir wissen heute genau, was daraus folgt.

    Die Annahme, auf der der klassische Ansatz beruht

    Der klassische Ansatz funktioniert so: Eine Führungsgruppe — Programm-Manager, Architekten, manchmal externe Berater — entwirft die Zielorganisation. Teams werden nach Fähigkeiten, technischen Schichten oder Ressourcenverfügbarkeit strukturiert. Dann werden die verfügbaren Personen in diese Struktur eingepasst.

    McKinsey formuliert den Ausgangspunkt in ihrer Agile-Transformationsmethodik klar: „Die meisten Transformationen beginnen damit, das Verständnis und die Ambitionen des Top-Teams aufzubauen.“ Das klingt plausibel. Das Problem liegt in der Annahme darunter: dass das Wissen darüber, wie gute Teamstrukturen aussehen, oben sitzt.

    Das tut es nicht. Und in einer Transformation der Komplexität, die jahrzehntealte Legacy- oder gar Mainframe-Systeme mit sich bringen, ist dieser Fehler besonders folgenreich.

    Warum das Wissen in den Domänen liegt — und was Conway damit zu tun hat

    Die Teams, die täglich mit den Systemen und Geschäftsprozessen arbeiten, verstehen die Abhängigkeiten des bestehenden Systems besser als jede Führungsgruppe. Sie wissen, welche Teile des Systems eng gekoppelt sind. Sie wissen, wo die wirklichen Schnittstellenprobleme liegen.

    Melvin Conway formulierte 1968, was wir heute als Conway’s Law kennen: Organisationen, die Systeme bauen, produzieren zwangsläufig Designs, die ihre eigene Kommunikationsstruktur widerspiegeln. Das ist keine Metapher. Es ist eine Kausalaussage. Wenn ich Teams entlang technischer Schichten oder nach Verfügbarkeit schneide, erhalte ich eine Systemarchitektur, die diese Aufteilung spiegelt — nicht die, die ich wollte.

    MacCormack, Rusnak und Baldwin haben das 2008 in einer Studie der Harvard Business School empirisch untermauert. Sie untersuchten, wie eng Organisationsstruktur und Produktarchitektur korrelieren — die sogenannte Mirroring Hypothesis. Das Ergebnis: Produkte aus lose gekoppelten Organisationen sind rund achtmal modularer als solche aus eng gekoppelten. Schlechtes Organisationsdesign erzeugt schlechte modulare Architektur — nicht als Nebeneffekt, sondern als direkte Konsequenz.

    Für ein großes Modernisierungsprogramm — die Art, mit der ich arbeite — bedeutet das: Die Entscheidung, wie Teams geschnitten werden, ist keine Ressourcenfrage. Sie ist eine architektonische Entscheidung. Und sie muss getroffen werden, bevor die Ressourcenplanung beginnt.

    Der Inverse Conway Maneuver: Architektur zuerst

    Wer die Architektur, die er will, bewusst erzeugen möchte, muss die Teamstruktur entsprechend gestalten — nicht umgekehrt. Statt Teams zu definieren und zu hoffen, dass die Architektur folgt, kehren wir die Reihenfolge um. Wir beginnen mit der Frage: Welche Architektur brauchen wir? Welche Domänen hat das System, wie stark sind ihre internen Abhängigkeiten, wie lose ihre Verbindungen nach außen?

    Diese Umkehrung — in der Literatur als Inverse Conway Maneuver bekannt und im Thoughtworks Technology Radar als etablierte Technik gelistet — ist der zentrale Hebel beim Skalieren von Delivery-Programmen.

    In der Praxis funktioniert das über Domänenanalyse. Wir nutzen Domain-Driven Design: Event-Storming-Sessions mit Domänenexperten aus dem Business, Bounded-Context-Definitionen, Context Maps. Das Ziel ist immer dasselbe: eine Domänenkarte, die zeigt, welche Bereiche des Systems intern stark korreliert sind und möglichst wenige externe Abhängigkeiten haben.

    Diese Karte ist der Ausgangspunkt für den Teamschnitt — nicht die freien Slots in den Kalendern der Leute.

    Skelton und Pais entwickeln in Team Topologies einen komplementären Gedanken: Jedes Team hat eine kognitive Last — einen maximalen mentalen Overhead, den es tragen kann. Stream-aligned Teams, die einem einzigen Wertstrom folgen, minimieren Übergaben und halten diese Last beherrschbar. Top-down-Strukturen, die Fähigkeiten nach Verfügbarkeit verteilen, ignorieren diese Grenze regelmäßig.

    Ein schichtenbasierter Schnitt erzwingt Übergaben quer durch alle Teams für jede fachliche Änderung. Ein domänenbasierter Schnitt eliminiert diese Abhängigkeit vollständig.

    Was das konkret in einem komplexen Programm bedeutet

    Ein großes Modernisierungsprogramm — mit einem Legacy- und manchmal Mainframe-System, in dem Logik über Jahrzehnte zu einer praktisch untrennbaren Einheit gewachsen ist — bringt genau diese Herausforderung mit sich.

    Die Modernisierungsstrategie, die wir in solchen Programmen empfehlen, ist konsistent: Domäne für Domäne aufbauen, dem Strangler-Fig-Muster folgend, Slice für Slice. Mit einem Kern beginnen, der die Architektur unter realen Bedingungen beweist — bevor das Programm auf weitere Domänen skaliert. Die zentralen Fachdomänen liefern die Struktur; ihre Grenzen müssen vor dem Teamschnitt feststehen.

    Genau hier greift die Conway-These unmittelbar: Der Domänenschnitt muss dem Ressourcenschnitt vorausgehen. Team-Ownership folgt aus der Domänenstruktur — nicht aus der Kapazitätsverfügbarkeit.

    Deshalb beginnt die erste Phase eines solchen Programms mit Event Storming und Domain-Driven Design. Nicht als methodisches Ritual. Sondern weil dieser Schritt das Fundament für jede nachfolgende Entscheidung legt: Welche Bounded Contexts entstehen innerhalb der Kerndomänen? Wo verlaufen die Grenzen — und wer übernimmt ihre Ownership?

    Ein konkretes Beispiel aus der Praxis: Kernversicherungsprozesse — Neugeschäft und unterjährige Vertragsänderungen — spannen jeweils mindestens drei Fachdomänen in komplexen Systemen auf. Eine Anfrage löst die Preisfindung in einer Domäne aus; ein akzeptierter Antrag stellt eine Police in einer zweiten aus; und das bindende Ereignis (Inkrafttreten des Versicherungsschutzes) treibt nachgelagerte Pflichten — Abrechnung, Korrespondenz, Provisionen — die in weiteren Kontexten liegen. Genau diese domänenübergreifenden Übergaben macht Event Storming sichtbar — und genau das ist der Nachweis, den ein Team braucht, um zu entscheiden, wo Bounded-Context-Grenzen gezogen werden sollen. Hätte das Team diesen Schnitt vor dieser Analyse vorgenommen, hätte es diese Übergaben entweder ignoriert oder willkürlich quer durch sie geschnitten.

    Eine Führungsgruppe am Reißbrett kann diese Fragen nicht beantworten. Sie entstehen durch die Zusammenarbeit mit den Domänenexperten aus dem Business — in den Workshops, über die Event Maps, durch die gemeinsame Schärfung der Bounded Contexts. Erst wenn diese Karte existiert, entscheidet sie, wie Teams geformt werden und wie Verantwortung verteilt wird.

    Self-Selection: das Team entscheiden lassen

    In einigen Programmen gehen wir einen Schritt weiter — und das ist der Schritt, der den größten Widerstand erzeugt, wenn wir ihn erstmals vorschlagen.

    Statt verfügbare Personen zentral den neu definierten Domänenteams zuzuweisen, lassen wir das Team sich selbst organisieren. Die Domänenkarte liegt auf dem Tisch. Die verfügbaren Slots sind transparent. Die Rahmenbedingungen sind klar: Fähigkeiten, Erfahrungsverteilung, Seniorität. Und dann fragen wir die Leute, wo sie sich sehen.

    Die Belege für diesen Ansatz sind konsistent — auch wenn sie aus Fallstudien statt aus kontrollierten Experimenten stammen. Sandy Mamoli und David Mole haben Self-Selection durch ihre Arbeit bei Trade Me und in ihrem Buch Creating Great Teams dokumentiert: Teams, die sich ohne direkte Managementzuweisung formiert hatten, wurden über zwei Jahre zu hochleistungsfähigen Teams — mit minimalen nachträglichen Anpassungen. Martin Lohmanns Erfahrungsbericht über SimCorps Product Division — ein SAFe-Rollout mit rund 550 Personen, die 55+ Teams über sieben ARTs bildeten — zeigt dasselbe Muster in größerem Maßstab. Bei New Relic wurden rund 50 Software-Teams vollständig durch Selbstorganisation unter vordefinierten Rahmenbedingungen neu geformt. Die Organisatoren beschrieben das Ergebnis danach als „way more successful than anybody anticipated“. Und ich habe es selbst funktionieren sehen.

    Ein unerwarteter Nebeneffekt: Die Leute wählten Kollegen, mit denen sie arbeiten wollten. Das klingt simpel — und das ist es. Wer wählen darf, übernimmt Ownership. Wer zugewiesen wird, wartet ab.

    Der natürliche Moment für eine Self-Selection-Session ist der Abschluss der ersten Programmphase: Sobald die Bounded-Context-Karte der Kerndomänen steht, sind die Team-Slots und ihre Verantwortungsbereiche transparent genug, damit die Leute eine informierte Wahl treffen können.

    Die Ausführung entscheidet: Self-Selection erfordert aktive Moderation. Ohne sie entstehen keine guten Teams — das zeigen die Fallstudien genauso klar wie die Erfolge.

    Je weiter sich ein Programm von Self-Selection in Richtung zentraler Zuweisung bewegt, desto weniger Ownership fühlen die Leute — und desto mehr Nachjustierung braucht die Struktur im Nachhinein.

    Wie das in den breiteren Diskurs passt

    Das Spotify-Modell taucht in jeder Diskussion über Team-Skalierung auf. Joakim Sundén, einer der Agile Coaches, die das Modell während seiner Entstehung begleiteten, beschrieb es als „teils Ambition, teils Annäherung“ — nie vollständig umgesetzt, immer ein Wunschbild. Was Unternehmen kopierten, war die Struktur: Squads, Tribes, Chapters. Was sie ignorierten, war die Kultur — echte Autonomie, psychologische Sicherheit, die Bereitschaft, Fehler zuzulassen. Struktur ohne Domänenlogik und ohne echte Dezentralisierung ist nur ein Label.

    Der Unterschied liegt nicht im Organigramm. Er liegt darin, wer das Wissen hält, das den Schnitt informiert.

    Was das in der Praxis bedeutet

    Skalierung ist kein Ressourcenproblem. Es ist ein Architekturproblem.

    Neue Teams hinzuzufügen, ohne die Domänenstruktur des Systems zuerst zu verstehen, baut eine Organisationsform auf, die — per Conway’s Law — eine Systemarchitektur erzeugt. Und diese Architektur wird nicht die sein, die man wollte. Die HBS-Studie zeigt, dass dieser Effekt real und messbar ist — nicht theoretisch.

    Für ein komplexes Modernisierungsprogramm bedeutet das konkret: Die Investition in Event Storming und Domain-Driven Design zu Beginn ist kein methodisches Pflichtprogramm. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass die Teams, die in späteren Phasen skalieren, entlang der richtigen Grenzen arbeiten. Domain Ownership, Bounded Contexts, Context Maps — diese Artefakte sind nicht nur Architekturdokumente. Sie sind das Fundament der Teamorganisation.

    Wer entscheidet, wo die Domänengrenzen liegen sollen? Jemand in der Führungsgruppe, der den Scope kennt — oder die Leute, die täglich mit dem System arbeiten und wissen, wo die echten Kopplungen sind?

    In den Programmen, mit denen ich arbeite, wird diese Frage regelmäßig implizit beantwortet, bevor sie je gestellt wird. So fängt das Problem meistens an.

    Quellen und weiterführende Literatur

    Thoughtworks / Inverse Conway Maneuver

    Conway’s Law — empirische Grundlage

    Team Topologies

    Self-Selection

    Spotify — genauer hingeschaut

    McKinsey Agile

  • Nie für diesen Ort gemacht. Und trotzdem noch hier.

    Nie für diesen Ort gemacht. Und trotzdem noch hier.

    Titelbild — Bildnachweis: „Oryx and Wild Horses (37049749623)“ von Sonse, CC BY 2.0, Wikimedia Commons

    Ein 500-Kilogramm-Pferd braucht 25 bis 30 Liter Wasser am Tag. Bei extremer Hitze kann sich dieser Bedarf mehr als verdoppeln. Ein Kamel übersteht zwei Wochen ohne einen Tropfen. Eine Oryx-Antilope kühlt ihr Blut über ein Wärmetauschersystem im Schädel und beginnt erst zu schwitzen, wenn ihre Körperkerntemperatur um sechs Grad gestiegen ist.

    Das Pferd hat nichts von alledem.

    Und dennoch leben seit über 110 Jahren Pferde in der Namib-Wüste.

    Zum ersten Mal gesehen habe ich das in einer Dokumentation auf ARTE. 2023 war ich in Namibia — und das Bild dieser Tiere ist mir geblieben.

    Fünfundzwanzig Kilometer westlich von Aus liegt Garub. Ein Bohrloch, 1908 gebohrt, um Dampflokomotiven auf der Eisenbahnlinie zu versorgen. Ein kleiner Beobachtungsunterstand. Und davor: Pferde — in einer Landschaft, für die sie nie gemacht waren.


    Wie sie dorthin kamen, ist nicht sicher dokumentiert. Die plausibelste Erklärung — auch im offiziellen namibischen Managementplan zitiert — lautet so: Emil Kreplin, Bürgermeister von Lüderitz, betrieb bis 1914 ein Gestüt auf dem Gut Kubub, nur wenige Kilometer von Garub entfernt. Als er als Zivilinternierter nach Südafrika deportiert wurde, blieben seine Pferde zurück. Im März 1915 trieb ein Angriff auf den südafrikanischen Nachschubposten bei Garub vermutlich zusätzliche Militärpferde in die Wüste.

    Es gibt auch andere Erzählungen. Was auch immer genau geschah: Ein historisches Ereignis — Kolonialherrschaft, der Erste Weltkrieg, der Umbruch einer zusammenbrechenden Verwaltung — warf diese Tiere in eine Umgebung, für die sie nie gebaut waren. Und sie blieben.

    Namib-Wildpferde in der offenen Steppe nahe Aus

    Bildnachweis: „Desert Horses close to Aus – Namibia“ von Raymond June, CC BY 2.0, Wikimedia Commons

    Telané Greyling hat über 28 Jahre Feldforschung dokumentiert, wie sich das in der Praxis zeigt. Die Pferde trinken alle zwei bis drei Tage — nicht täglich, wie Hauspferde es tun. Sie schlafen rund vier Stunden am Tag, um die Distanzen zwischen Weidegrund und Wasserstelle so kurz wie möglich zu halten. Sie fressen Gräser und Wüstensträucher, die ein Hauspferd verweigern würde.

    Eine physiologische Studie aus dem Jahr 1991 bringt es auf den Punkt: Die Namib-Pferde sind verhaltensmäßig angepasst — nicht physiologisch verändert. Bezogen auf ihre Körpermasse unterscheiden sie sich kaum von einem gewöhnlichen Hauspferd. Sie überleben, weil sie gelernt haben, Durst auszuhalten. Nicht, weil sie zu Wüstentieren geworden sind.

    Sie bleiben — und werden immer bleiben — etwas, das dort nicht hingehört.


    Und sie können nicht fort.

    Im Norden und Osten: der Wildzaun des Nationalparks. Im Westen: die Atlantikküste, wo es kein Wasser gibt. Das Bohrloch bei Garub ist die einzige verlässliche Wasserquelle für hunderte Kilometer. Ihr gesamtes Streifgebiet: rund 34 Quadratkilometer. Sie entfernen sich nie mehr als 15 bis 20 Kilometer von der Wasserstelle.

    Wildpferde an der Wasserstelle Garub — Feldforschungsfoto

    Bildnachweis: Telané Greyling, CC BY-SA 2.0, Wikimedia Commons

    Zwischen 2013 und 2018 überlebte kein einziges Fohlen. Ein Rudel Tüpfelhyänen hatte sich im Revier angesiedelt — und die Pferde hatten keinen Fluchtweg. Allein 2013 starben rund 100 Tiere, die Hälfte davon Fohlen. Die Population sank von 286 auf 74. Erst gezielte Eingriffe und bessere Regenjahre wendeten das Blatt: Die Herde wird heute auf 250 bis 300 Tiere geschätzt.


    Die Debatte um den Schutz dieser Pferde ist aufschlussreich. Das namibische Ministerium betrachtet sie als nicht-heimische Art und tendiert dazu, die Natur ihren Lauf nehmen zu lassen. NGOs und die Tourismusbranche drängen auf aktiven Schutz. 2019 erschoss das Ministerium drei Tüpfelhyänen, um die Pferde zu schützen — eine heimische, geschützte Art, geopfert für eine verwilderte, nicht-heimische.

    Die Pferde passen in keine saubere Kategorie. Nicht heimisch. Nicht invasiv im herkömmlichen Sinn. Nicht domestiziert. Nicht wild im evolutionären Sinn. Sie existieren in einer Lücke, die die bestehenden Begriffe nicht abdecken.


    Warum schreibe ich eigentlich darüber?

    Es geht nicht um die Überlebensleistung — die ist bemerkenswert, aber es geht um die Situation von Lebewesen, die in einer Umgebung ankommen, für die sie nie gemacht wurden — nicht aus eigener Wahl, nicht durch Evolution. Bei den Pferden war es ein historisches Ereignis. Meine Gedanken wandern zu Lebewesen, die sich im Verhalten anpassen, physiologisch aber fremd bleiben. Die nicht ausbrechen können. Die überleben — aber in einem Zustand, in dem Anpassung und Ausnahmezustand ununterscheidbar geworden sind.

    Manchmal frage ich mich das auch über uns, Homo sapiens im 21. Jahrhundert. Ich schaue auf mich selbst und frage mich, wie gut ich als Mensch ausgestattet bin, um meine gegenwärtige Umgebung zu überleben.

    Die Pferde bei Garub stellen sich diese Frage nicht. Sie trinken.

  • Der Atlantic: Ein Bass, gebaut von einem Freund, dem es wichtig ist

    Der Atlantic: Ein Bass, gebaut von einem Freund, dem es wichtig ist

    Mein Freund Tillman baut seit Jahren E-Bässe. Jetzt habe ich mir endlich einen gekauft. Nur ein kleines Problem: Ich spiele kein Bass. Noch nicht.

    Tillman Anton gehört zu den seltenen Menschen, die aus einer tiefen Liebe zu ihrem Handwerk einen ganzen Lebensweg gemacht haben. Er baut seit vielen Jahren E-Bässe — und der Atlantic, ein Fünfsaiter aus seiner Werkstatt, ist ein Meisterstück. Das Holz, das Gewicht, die Detailarbeit am Hals. Man hält das Instrument in der Hand und spürt sofort: Das hier stammt von jemandem, dem es wirklich wichtig ist.

    Ich bin Musiker. Kein Bassist — aber wer Musik liebt, lässt sich von schönen Instrumenten mitreißen. Ich konnte Tillmans Arbeit nicht länger nur aus der Distanz bewundern. Also habe ich mir einen gekauft. Und ja, in den kommenden Monaten werde ich lernen müssen, ihn zu spielen. Das gehört zur Freude dazu.

    Wenn Sie Bässe lieben — oder jemanden kennen, dem es so geht — schauen Sie sich an, was Tillman baut. Er findet auch für Sie das richtige Instrument.

    antons-instruments.de

  • Automate the Boring Stuff: Warum das Buch die ganze Zeit recht hatte

    Automate the Boring Stuff: Warum das Buch die ganze Zeit recht hatte

    Vor Jahren habe ich mir das Buch Automate the Boring Stuff with Python gekauft. Ich habe die meisten Kapitel gelesen. Ich habe sie verstanden. Automatisiert habe ich nie etwas.

    Das Buch war gut. Das Problem war ich.

    Früher in meiner Karriere war ich Entwickler. Ich konnte genug Python, um jedem Beispiel zu folgen — Tausende Dateien in einem Rutsch umbenennen und sortieren, eine Website automatisiert auslesen statt Daten von Hand zu kopieren, Excel-Dateien oder PDFs im großen Stil verarbeiten, Formulare automatisch ausfüllen. Die Anwendungsfälle waren real. Der Nutzen war offensichtlich. Und trotzdem ist keines dieser Skripte je entstanden.

    Der ehrliche Grund: Ich hatte mich vom täglichen Programmieren entfernt. Genug Übung wiederzugewinnen, um ein funktionierendes Skript wirklich zu bauen und zu debuggen, hätte mehr Zeit und mentale Energie gekostet als die Aufgabe, die ich damit automatisieren wollte. Der ROI war negativ. Also blieb das Buch im Regal stehen.

    Das änderte sich, als ich anfing, ChatGPT und Gemini als Coding-Co-Piloten zu nutzen. Ich habe weiterhin selbst Python geschrieben — aber mit Unterstützung. Die Aktivierungsenergie sank genug, damit sich manche Skripte lohnten.

    Dann habe ich angefangen, mit Claude Code zu arbeiten. Jetzt schreibe ich den Python-Code gar nicht mehr selbst. Ich beschreibe, was ich will. Die KI baut es, iteriert, behebt Fehler, wenn etwas nicht funktioniert. Die Hürde ist einfach verschwunden.

    Was mich seitdem beschäftigt: Das Versprechen des Buches war immer richtig. Der Flaschenhals war nie das Werkzeug — und auch nicht der Wille. Es waren die Kosten, sich als jemand, der sich vom täglichen Coden entfernt hatte, wieder in die Materie einzuarbeiten. KI hat diese Aktivierungsenergie vollständig entfernt.

    Das heißt, die Beschränkung hat sich verschoben. Die Frage ist nicht mehr: „Kannst du gut genug programmieren, um das zu automatisieren?“ Diese Frage ist obsolet. Die Frage lautet jetzt: „Hast du ein gutes Urteilsvermögen dafür, was es überhaupt wert ist, automatisiert zu werden?“ Das ist eine Denkfähigkeit, keine technische.

    Das Werkzeug war nie die Barriere. Zu wissen, worauf man es richtet — das ist die Arbeit, die bleibt.

    Welche lästige Aufgabe würden Sie endlich automatisieren — jetzt, wo Coding-Fluency keine Voraussetzung mehr ist?

  • Cynefin: Das müssen wir in der Schule lehren!

    Das falsche Werkzeug einsetzen

    Du kennst die Metapher sicher: der Hammer, mit dem man eine Schraube einschlägt. Die Idee, das falsche Werkzeug für ein Problem einzusetzen, kannte ich seit Jahren — das Cynefin-Framework aber hatte ich erst kürzlich kennengelernt. Es beschreibt diese Situation viel präziser, und es hat mir die Augen geöffnet. Als jemand, der selbst Opfer und Täter dieses „falschen Werkzeugs“ war, brenne ich darauf, diesen Beitrag zu schreiben. Denn so viel Schmerz ist dadurch entstanden. So viel Aufwand, Geld und Motivation wurde verschwendet. Und das Schlimmste: Es passiert jeden Tag weiter. Das muss sich ändern. Du solltest das Cynefin-Framework kennen — und das Wort weitergeben.

    Ich werde nur an der Oberfläche des Frameworks kratzen — aber das könnte schon genug sein, um deine Sicht auf die Welt zu verändern. Bei mir war es jedenfalls so, als ich das erste Mal damit in Berührung kam. Bevor ich auf das Framework eingehe, möchte ich ein paar ganz eigene Beispiele nennen, die erklären, warum wir es kennen sollten:

    • Mehrere Jahre Arbeit und viel Geld verschwendet beim Versuch, ein revolutionäres Produkt für ein großes deutsches Unternehmen zu entwickeln — behandelt wie ein Projekt mit festem Scope, ohne regelmäßiges Feedback und schnelle Kurskorrekturen.
    • Ein großes, unternehmensweites Transformationsprojekt, das mit einem Projektplan aus mehreren tausend Aufgaben gesteuert wurde.
    • Unzählige gut durchdachte Strategien und große Reorganisationen, die scheiterten oder ihre geplanten Ziele nie vollständig erreichten.
    • Bewährte Projektmanagement-Praktiken beim Bau eines Büros schlicht ignoriert.
    • Stunden und Stunden hitziger Diskussionen darüber, welche Arbeitsweise die beste ist.

    Und das sind nur meine ganz persönlichen Erfahrungen … Also, ohne weitere Umschweife: Lass mich das Cynefin-Framework kurz vorstellen. Auf diese Beispiele und einige Gedanken zur digitalen Transformation komme ich später zurück.

    Das Cynefin-Framework

    So sieht das Cynefin-Framework aus. Du siehst vier Quadranten. Anders als viele andere Modelle hat es keine Dimensionen — also keine x- oder y-Achse. Im Wesentlichen gibt es diese vier Quadranten und einen Bereich dazwischen, der sie voneinander trennt. Auf die Grenzen und ihre unterschiedliche Dicke gehe ich hier nicht ein. Bleiben wir einfach bei: vier Quadranten. Ihre Bezeichnungen beginnen alle mit dem Buchstaben „C“: CLEAR, COMPLICATED, COMPLEX und CHAOTIC.

    Was findet sich in diesen Quadranten?

    Ich zitiere Sonja Blignaut aus dem Buch „Cynefin. Weaving Sense-Making into the Fabric of our world“. Sie schreibt: „At its most basic, Cynefin allow us to distinguish between three different kinds of systems:

    1. Ordered systems that are governed and constrained in such a way that cause and effect relationships are either clear or discoverable through analysis;
    2. Complex systems where causal relationships are entangled and dynamic and the only way to understand the system is to interact; and
    3. Chaotic systems where there are no effective constraints, turbulence prevails and immediate stabilizing action is required“.

    Beginnen wir mit Clear: Clear ist die Domäne der Best Practices. Die Lösung eines Problems ist für jeden sichtbar. Der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung liegt auf der Hand — oder ist inzwischen offensichtlich. Ein paar Beispiele helfen: die Arbeit in einem Call Center — ein Kunde ruft an, der Agent hört zu und wählt dann schnell das passende Script, um dem Kunden zu helfen.

    Ein weiteres Beispiel wäre der Bau eines Einfamilienhauses. Keine einfache Aufgabe. Aber sie wurde schon milliardenfach ausgeführt. Wir haben Best Practices. Die Domäne ist vollständig verstanden. Es gibt sogar Kataloge, aus denen man sein Traumhaus auswählen kann. Übrigens: Clear, Obvious oder Simple bedeutet nicht leicht. Es kann trotzdem anspruchsvoll und harte Arbeit sein. Der Bau eines besonderen Opernhauses — etwa der Elbphilharmonie in Hamburg — fällt hingegen nicht in diese Domäne.

    Nun zur Complicated-Domäne. Hier ist die Lösung für niemanden auf Anhieb sichtbar. Man braucht Expertenwissen. Das ist die Experten-Domäne. Ein extremes Beispiel wäre der Flug zum Mond. Er erforderte ein enormes Maß an Expertenwissen und Analyse. Und doch war die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung — wenn auch kompliziert — letztendlich versteh- und beherrschbar. Oder nehmen wir den Automobilbau. Ingenieursarbeit. Ein weiteres Beispiel aus der IT wäre der globale Rollout eines ERP-Systems. Keine leichte Aufgabe — aber wir haben Good Practices dafür. Wir können Methodologien entwickeln, Prozessdiagramme erstellen, Vorlagen und Rollenbeschreibungen definieren. Wir können physische oder kommerzielle Modelle bauen. Wir können die Arbeit schätzen und zu einem Festpreis anbieten, weil wir wissen, wie wir sie steuern. Probleme in der Complicated-Domäne zu lösen ist nicht einfach. Aber wenn man genug Köpfe — die besten Engineers und Experten — auf das Projekt ansetzt, kommt man zu einer guten Lösung. Vielleicht nicht zur besten. Aber zu einer guten. Denn die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung lässt sich analysieren und verstehen.

    In der Complex-Domäne sieht das alles anders aus. Hier lässt sich die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung erst im Nachhinein erkennen. Was bedeutet das? Nun — die Konsequenzen sind enorm. Egal wie viele Experten man auf ein Problem ansetzt, egal wie klug sie sind, egal wie hart man arbeitet: Man kann keine Lösung ableiten. Genauer gesagt — man kann eine Lösung entwickeln und sich selbst und andere davon überzeugen, dass sie die richtige ist. Aber da der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung in der Complex-Domäne erst rückblickend sichtbar wird, täuscht man sich und andere schlicht. Und genau das passiert täglich. Ich gebe es offen zu: Ich war selbst oft ein hervorragender Täuscher.

    Um diesen Beitrag kompakt zu halten, übergehe ich die Chaotic-Domäne. Wer mehr über Cynefin erfahren möchte, findet leicht weiterführende Quellen.

    Konzentrieren wir uns auf die Konsequenzen: Wie viele von uns bin ich mit der Überzeugung aufgewachsen, dass sich durch sorgfältige Analyse eine Lösung finden lässt. Mit meiner Ausbildung in Mathematik und Ingenieurwesen schaue ich auf ein Problem („sense“), analysiere es und verstehe seine Eigenschaften („analyse“), um dann eine Lösung zu entwickeln („respond“). Mit der richtigen Ausbildung und einigen Jahren Erfahrung werde ich zum Experten — etwa im Projektmanagement — und wende diese Praktiken routiniert an. Wo ordnet das Cynefin-Framework diesen Ansatz ein? Richtig: in der Complicated-Domäne. Soweit, so gut. Das Problem entsteht, wenn wir unsere Good Practices in die Complex- oder Chaotic-Domäne übertragen. Dort lässt sich die Ursache-Wirkung-Beziehung nicht vorhersagen. Wir brauchen einen grundlegend anderen Ansatz. In der Complex-Domäne müssen wir zuerst etwas ausprobieren („probe“), dann beobachten, wie sich die Dinge entwickeln („sense“), und auf Basis des Feedbacks weitermachen oder unseren Ansatz ändern („respond“). Das ist im Kern das, worum es bei agilen Methoden geht. Sie betonen schnelles Feedback — und das Handeln auf dieser Grundlage. Auf die erste Metapher zurückkommend: Wir geraten in Schwierigkeiten, wenn wir das falsche Werkzeug (den Hammer) in einer bestimmten Umgebung einsetzen. Am häufigsten sehe ich Good Practices aus der Complicated-Domäne, die in der Complex-Domäne angewendet werden — etwa Projektmanagement- und Programmmanagement-Methoden in komplexer Produktentwicklung oder bei Transformationen. Manchmal aber auch umgekehrt: wenn agile Methoden in Situationen eingesetzt werden, in denen wir bereits funktionierende Good Practices haben.

    Außerdem: Wer das Cynefin-Framework kennt, kann viele Diskussionen rund um die digitale Transformation deutlich entspannter führen. Denn es geht nicht darum, welche Arbeitsweise besser ist. Ist Agile besser als Waterfall? Oder umgekehrt? Das ist grundlegend die falsche Frage. Die richtige Frage ist, ob die Werkzeuge und Ansätze zur jeweiligen Domäne passen.

    Ich wünschte, ich hätte Cynefin viel früher gekannt. Es hätte mir und meinen Teams eine Menge vergeudeter Energie erspart — als demjenigen, der das falsche Werkzeug benutzt hat. Oder es hätte mir die Zuversicht und die Argumente gegeben, laut zu sagen, wenn etwas grundlegend schiefläuft — als Opfer. Ich wünschte, wir alle würden das Cynefin-Framework kennen. Warum also nicht in der Schule darüber reden? Bis dahin: Hilf mit, uns eine Menge vergeudeter Energie zu ersparen. Schau es dir selbst an — und erzähl anderen davon.