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  • Nie für diesen Ort gemacht. Und trotzdem noch hier.

    Nie für diesen Ort gemacht. Und trotzdem noch hier.

    Titelbild — Bildnachweis: „Oryx and Wild Horses (37049749623)“ von Sonse, CC BY 2.0, Wikimedia Commons

    Ein 500-Kilogramm-Pferd braucht 25 bis 30 Liter Wasser am Tag. Bei extremer Hitze kann sich dieser Bedarf mehr als verdoppeln. Ein Kamel übersteht zwei Wochen ohne einen Tropfen. Eine Oryx-Antilope kühlt ihr Blut über ein Wärmetauschersystem im Schädel und beginnt erst zu schwitzen, wenn ihre Körperkerntemperatur um sechs Grad gestiegen ist.

    Das Pferd hat nichts von alledem.

    Und dennoch leben seit über 110 Jahren Pferde in der Namib-Wüste.

    Zum ersten Mal gesehen habe ich das in einer Dokumentation auf ARTE. 2023 war ich in Namibia — und das Bild dieser Tiere ist mir geblieben.

    Fünfundzwanzig Kilometer westlich von Aus liegt Garub. Ein Bohrloch, 1908 gebohrt, um Dampflokomotiven auf der Eisenbahnlinie zu versorgen. Ein kleiner Beobachtungsunterstand. Und davor: Pferde — in einer Landschaft, für die sie nie gemacht waren.


    Wie sie dorthin kamen, ist nicht sicher dokumentiert. Die plausibelste Erklärung — auch im offiziellen namibischen Managementplan zitiert — lautet so: Emil Kreplin, Bürgermeister von Lüderitz, betrieb bis 1914 ein Gestüt auf dem Gut Kubub, nur wenige Kilometer von Garub entfernt. Als er als Zivilinternierter nach Südafrika deportiert wurde, blieben seine Pferde zurück. Im März 1915 trieb ein Angriff auf den südafrikanischen Nachschubposten bei Garub vermutlich zusätzliche Militärpferde in die Wüste.

    Es gibt auch andere Erzählungen. Was auch immer genau geschah: Ein historisches Ereignis — Kolonialherrschaft, der Erste Weltkrieg, der Umbruch einer zusammenbrechenden Verwaltung — warf diese Tiere in eine Umgebung, für die sie nie gebaut waren. Und sie blieben.

    Namib-Wildpferde in der offenen Steppe nahe Aus

    Bildnachweis: „Desert Horses close to Aus – Namibia“ von Raymond June, CC BY 2.0, Wikimedia Commons

    Telané Greyling hat über 28 Jahre Feldforschung dokumentiert, wie sich das in der Praxis zeigt. Die Pferde trinken alle zwei bis drei Tage — nicht täglich, wie Hauspferde es tun. Sie schlafen rund vier Stunden am Tag, um die Distanzen zwischen Weidegrund und Wasserstelle so kurz wie möglich zu halten. Sie fressen Gräser und Wüstensträucher, die ein Hauspferd verweigern würde.

    Eine physiologische Studie aus dem Jahr 1991 bringt es auf den Punkt: Die Namib-Pferde sind verhaltensmäßig angepasst — nicht physiologisch verändert. Bezogen auf ihre Körpermasse unterscheiden sie sich kaum von einem gewöhnlichen Hauspferd. Sie überleben, weil sie gelernt haben, Durst auszuhalten. Nicht, weil sie zu Wüstentieren geworden sind.

    Sie bleiben — und werden immer bleiben — etwas, das dort nicht hingehört.


    Und sie können nicht fort.

    Im Norden und Osten: der Wildzaun des Nationalparks. Im Westen: die Atlantikküste, wo es kein Wasser gibt. Das Bohrloch bei Garub ist die einzige verlässliche Wasserquelle für hunderte Kilometer. Ihr gesamtes Streifgebiet: rund 34 Quadratkilometer. Sie entfernen sich nie mehr als 15 bis 20 Kilometer von der Wasserstelle.

    Wildpferde an der Wasserstelle Garub — Feldforschungsfoto

    Bildnachweis: Telané Greyling, CC BY-SA 2.0, Wikimedia Commons

    Zwischen 2013 und 2018 überlebte kein einziges Fohlen. Ein Rudel Tüpfelhyänen hatte sich im Revier angesiedelt — und die Pferde hatten keinen Fluchtweg. Allein 2013 starben rund 100 Tiere, die Hälfte davon Fohlen. Die Population sank von 286 auf 74. Erst gezielte Eingriffe und bessere Regenjahre wendeten das Blatt: Die Herde wird heute auf 250 bis 300 Tiere geschätzt.


    Die Debatte um den Schutz dieser Pferde ist aufschlussreich. Das namibische Ministerium betrachtet sie als nicht-heimische Art und tendiert dazu, die Natur ihren Lauf nehmen zu lassen. NGOs und die Tourismusbranche drängen auf aktiven Schutz. 2019 erschoss das Ministerium drei Tüpfelhyänen, um die Pferde zu schützen — eine heimische, geschützte Art, geopfert für eine verwilderte, nicht-heimische.

    Die Pferde passen in keine saubere Kategorie. Nicht heimisch. Nicht invasiv im herkömmlichen Sinn. Nicht domestiziert. Nicht wild im evolutionären Sinn. Sie existieren in einer Lücke, die die bestehenden Begriffe nicht abdecken.


    Warum schreibe ich eigentlich darüber?

    Es geht nicht um die Überlebensleistung — die ist bemerkenswert, aber es geht um die Situation von Lebewesen, die in einer Umgebung ankommen, für die sie nie gemacht wurden — nicht aus eigener Wahl, nicht durch Evolution. Bei den Pferden war es ein historisches Ereignis. Meine Gedanken wandern zu Lebewesen, die sich im Verhalten anpassen, physiologisch aber fremd bleiben. Die nicht ausbrechen können. Die überleben — aber in einem Zustand, in dem Anpassung und Ausnahmezustand ununterscheidbar geworden sind.

    Manchmal frage ich mich das auch über uns, Homo sapiens im 21. Jahrhundert. Ich schaue auf mich selbst und frage mich, wie gut ich als Mensch ausgestattet bin, um meine gegenwärtige Umgebung zu überleben.

    Die Pferde bei Garub stellen sich diese Frage nicht. Sie trinken.